Dr. habil. Rüdiger Jacob Methoden und Techniken der empirischen Sozialforschung Vorlesung mit Diskussion

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1 Dr. habil. Rüdiger Jacob Methoden und Techniken der empirischen Sozialforschung Vorlesung mit Diskussion 4. Messtheorie Messen in den Sozialwissenschaften, Operationalisierung und Indikatoren, Messniveaus, Zuverlässigkeit und Gültigkeit, Indices und Skalen Jacob, Messtheorie 1

2 Analyseobjekte: Kollektive oder Gruppen, strukturelle Effekte und soziale Regelmäßigkeiten Untersuchungsobjekte: Individuen als Träger spezifischer Merkmale. Untersucht werden stets nur einige Merkmale und Merkmalskombinationen unter bewusster Ausblendung aller sonstigen Charakteristika, welche die Untersuchungsobjekte sonst noch aufweisen Messen: Zuordnung von Zahlen (den Messwerten/Codes) zu bestimmten Objekten bzw. Zuständen von Objekten Abbildung einer empirischen Objektmenge in einer numerischen Symbolmenge Jacob, Messtheorie 2

3 Messen als strukturtreue Abbildung. Relationen der Objektmenge müssen in der Symbolmenge erhalten bleiben, so dass man die Objekte entsprechend dieser Eigenschaften unterscheiden und gegebenenfalls auch ordnen kann. Welche Relationen als relevant angesehen werden, hängt von dem jeweiligen Forschungsinteresse ab. Jede Messung ist eine Konstruktion, die auf Entscheidungen basiert und sich nicht zwingend aus den Eigenschaften von Untersuchungsobjekten ergibt. Standardisierung der Messsituation: Messbedingungen sollen für alle Untersuchungsobjekte möglichst identisch sein Standardisierung des Erhebungsinstrumentes Standardisierung des Interviewerverhaltens Standardisierung der Situation Jacob, Messtheorie 3

4 Theoretisches Konstrukt und Indikator Theoretische Begriffe theoretische Konstrukte/latente Variable: Aus Theorie abgeleitet, nicht direkt beobachtbar Operationalisierung: Auswahl direkt beobachtbarer Merkmale, die auf Ausprägungen theoretischer Konstrukte schließen lassen Diese Merkmale werden als Indikatoren bezeichnet Jacob, Messtheorie 4

5 Elemente einer Messung bei einer Befragung Untersuchungseinheiten= Personen Merkmalsträger Einstellungen, Kenntnisse, Verhaltens- sollen gemessen weisen werden, sind aber nicht Operationalisierung direkt beobachtbar Indikatoren = beobachtbare Merk- werden durch male bestimmte Fragen 5

6 Messniveaus Kategoriale Daten: Nominalskala: Unterschiede zwischen Merkmalsträgern Ordinalskala: hierarchische Ordnung der Merkmalsträger, Rangfolge Metrische Daten: Intervallskala: Ratioskala: Äquidistanz der Messpunkte Merkmalsausprägungen weisen natürlichen Nullpunkt auf Jacob, Messtheorie 6

7 Jacob, Messtheorie 7

8 Jacob, Messtheorie 8

9 Jacob, Messtheorie 9

10 Jacob, Messtheorie 10

11 Implikationen des Messniveaus für die Datenanalyse: Mittelwertbasierte Verfahren können auch bei ordinalskalierten Daten verwendet werden, nur darf man die Koeffizienten nicht im Sinn einer Intervall- oder einer Ratioskala interpretieren, sondern nur ordinal. Verhältnis von Indikator und Konstrukt: Indikator und damit zu messendes Konstrukt können unterschiedliches Messniveau aufweisen. Indikator: Theoretische Konstrukte: Alter (in Jahren) Lebenserfahrung Kohortenzugehörigkeit Messniveaus? Jacob, Messtheorie 11

12 Gütekriterien einer Messung Ziel jeder Messung: Problem: möglichst genaue und fehlerfreie Messwerte Messfehler Klassische Testtheorie Kerngedanke: Wiederholte oder parallel durchgeführte Messungen sind zuverlässiger als Einzelmessungen Jacob, Messtheorie 12

13 Der Mittelwert mehrerer Messungen wird als wahrer Wert angesehen, wenn folgende 4 Bedingungen erfüllt sind: 1. Der Mittelwert der Messfehler ist gleich null, diese heben sich also gegenseitig auf. 2. Die Messfehler korrelieren nicht mit den wahren Werten der Messung. 3. Die Messfehler zweier Messwertreihen sind unkorreliert. 4. Die Messfehler einer Messwertreihe korrelieren nicht mit den wahren Werten einer anderen Messung. Jacob, Messtheorie 13

14 Zuverlässigkeit (Reliabilität): Wiederholte Messungen mit dem gleichen Messinstrument müssen gleiche Ergebnisse bringen. Test-Retest-Methode: Wiederholte Messungen. Dieses Verfahren unterstellt eine Konstanz der zu messen-den Eigenschaften im Zeitverlauf. Paralleltestmethode: Verschiedene Messinstrumente für die gleiche Untersuchungsdimension werden zeitgleich angewendet. Die Korrelation der Ergebnisse der Messinstrumente ist dann ein Maß für deren Zuverlässigkeit. Annahme der Existenz vieler äquivalenter Indikatoren. Reliabilitätstest: Prüfung auf Eindimensionalität Split-Half-Verfahren und Cronbachs Alpha Faktorenanalyse Zu beachten ist: Ein für allemal geeichte Skalen gibt es in den Sozialwissenschaften nicht, vielmehr muss bei jeder Untersuchung die Reliabilität eines Messinstrumentes neu ermittelt werden. Jacob, Messtheorie 14

15 Gültigkeit (Validität): Das Messinstrument misst das, was es messen soll Konstruktvalidierung Konstrukte müssen theoretisch begründet und Hypothesen über ihre Beziehungen untereinander formuliert werden. Nach der Feldphase werden in der Datenanalyse diese Beziehungen überprüft und mit den Hypothesen verglichen. Konstruktvalidität liegt dann vor, wenn die Hypothesen über die Beziehungen der Konstrukte empirisch gestützt werden. Wenn dies nicht der Fall ist, können folgende Gründe dafür verantwortlich sein: Keine Validität, eines oder alle verwendeten Messinstrumente messen andere Dimensionen. Die Hypothesen über die Beziehungen zwischen den Konstrukten können falsch sein. Jacob, Messtheorie 15

16 Beteiligung an der U9 nach Status der Eltern , ,7 Prozent Hauptschule Mittlere Reife Abitur Jacob, Messtheorie 16

17 tiko-impfungen nach Status der Eltern (Angaben in Prozent) ,5 66,8 62,7 Prozent Hauptschule Mittlere Reife Abitur Jacob, Messtheorie 17

18 Skala: Geordnete Form von Mess- oder Skalenpunkten, anhand derer bestimmte Merkmale (allgemein Items genannt) beurteilt oder quantifiziert werden sollen Skalen sind eindimensionale Messinstrumente Index: Zusammenfassung Messinstrumente. der Messwerte unterschiedlicher Mehrdimensionale Messung. Additive oder multiplikative Verknüpfung von Messwerten Beispiel: Schichtungsindex Typologie: Kombinationen von bestimmten Merkmalsausprägungen, denen dann ein neuer Wert zugewiesen wird. Jacob, Messtheorie 18

19 Summenindex: Bei welchen der folgenden Situationen droht eine Ansteckung mit AIDS? % Küsse 34,8 Besuch beim Zahnarzt 34,3 Insektenstiche 28,1 Besuch im Krankenhaus 24,1 Anhusten, Anniesen 23,0 Öffentliche Toiletten und Waschräume 22,8 Schwimmbad, Sauna, Turnhalle 13,7 flüchtige Körperkontakte 10,3 Besuch beim Friseur 9,0 Besuch von Großveranstaltungen 7,0 Geschirr in Gaststätten 6,4 Öffentliche Verkehrsmittel 3,9 Jacob, Messtheorie 19

20 Bei welchen der folgenden Situationen droht eine Ansteckung mit AIDS? Ja Nein Küsse 1 0 Besuch beim Zahnarzt 1 0 Insektenstiche 1 0 Besuch im Krankenhaus 1 0 Anhusten, Anniesen 1 0 Öffentliche Toiletten und Waschräume 1 0 Schwimmbad, Sauna, Turnhalle 1 0 flüchtige Körperkontakte 1 0 Besuch beim Friseur 1 0 Besuch von Großveranstaltungen 1 0 Geschirr in Gaststätten 1 0 Öffentliche Verkehrsmittel 1 0 Summe 12 0 Wertebereich 0-12 Jacob, Messtheorie 20

21 Summenindex Ansteckungsängste 0 37,3% 1 14,0% 2 12,9% 3 12,0% 4 7,9% 5 5,0% 6 4,1% 7 2,4% 8 1,3% 9 0,9% 10 0,7% 11 0,2% 12 1,2% Jacob, Messtheorie 21

22 Jacob, Messtheorie 22

23 Schichtungsindex: Einzelmerkmale: Bildungsstatus Code N % kein Abschluss ,9 Hauptschule ,6 Mittlere Reife ,1 FHR/Abitur ,5 Nettoeinkommen Code N % kein Einkommen ,3 bis unter , b. u , b. u , b. u , b. u , b. u , b. u , und mehr ,6 keine Angabe ,6 Jacob, Messtheorie 23

24 Berufliche Position Code Akademische freie Berufe 4 Beamte im höheren Dienst 4 Beamte im gehobenen Dienst 3 Beamte im mittleren Dienst 2 Beamte im einfachen Dienst 1 Angestellte im höheren Dienst 4 Angestellte im gehobenen Dienst 3 Angestellte im mittleren Dienst 2 Angestellte im einfachen Dienst 1 Selbständige 4 Landwirte 3 Meister, Industriemeister 3 Facharbeiter 2 Vorarbeiter 1 un- und angelernte Arbeiter 0 Jacob, Messtheorie 24

25 Index Minimum: 1 Maximum: 16 Unterschicht: 1 bis 4 untere Mittelschicht: 4 bis 8 Mittlere Mittelschicht: 8 bis 11 Obere Mittelschicht: 11 bis 14 Oberschicht: 15, 16 Beispiele: Facharbeiter mit Hauptschulabschluss und Nettoeinkommen von = 9 Mittlere Mittelschicht ungelernter Arbeiter ohne Abschluss und Nettoeinkommen von = 9 Mittlere Mittelschicht Jacob, Messtheorie 25

26 Operationalisierung eines theoretischen Konstruktes Theoretisches Konstrukt: Soziale Schicht Begründung: Theorien sozialer Ungleichheit Dimensionen: Bildung Einkommen Prestige Indikatoren: Formalbildung Einkommensklassen berufliche Position Indexbildung durch Addition von Meßwerten Summenwert: Indikator für individuelle Schichtzugehörigkeit 6 Ausprägungen: untere Unterschicht; obere Unterschicht untere Mittelschicht; mittlere Mittelschicht; obere Mittelschicht Oberschicht Kritik: Indexbildung formalistisch Indikatoren nicht wechselseitig kompensationsfähig und nicht inhaltlich äquivalent einseitige Berücksichtigung objektiver, ökonomischer Indikatoren 26

27 Typologie (1993, alte Bundesländer) Höchster Status, Oberschicht - obere Mittelschicht 137 = 6,5% Bildung: hoch; Abitur, Fachhochschulreife oder vergleichbarer Abschluss. Beruf: Akademische freie Berufe, Selbständige, Beamte im höheren Dienst, Angestellte, die selbständig verantwortungsvolle Leistungen erbringen oder Führungsaufgaben wahrnehmen. Niedriger Status, untere Mittelschicht Unterschicht Anteil: 608 = 28,7% Bildung: Beruf: mittel bis niedrig; Realschule oder Hauptschule. Beamte im einfachen Dienst, Angestellte mit einfacher Tätigkeit, Fach- oder Vorarbeiter. Niedrigster Status, Unterschicht Anteil: 238 = 11,2% Bildung: niedrig bis schlecht; Hauptschule oder kein Abschluss. Beruf: Beamte im einfachen Dienst, Angestellte mit einfacher Tätigkeit, un- und angelernte Arbeiter. Nicht eingeordnete Fälle: Anteil: 233 = 11,0% Volljährige Schüler und Studenten: Anteil: 123 = 5,8% 27

28 Jacob, Messtheorie 28

29 Jacob, Messtheorie 29

30 Jacob, Messtheorie 30

31 Jacob, Messtheorie 31

32 Jacob, Messtheorie 32

33 Jacob, Messtheorie 33

34 Jacob, Messtheorie 34

35 Jacob, Messtheorie 35

36 Jacob, Messtheorie 36

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